— Cook It Like Lilian

Kollektiver Irrtum bei tierischen Nahrungsmitteln

Vor etwas mehr als einer Woche habe ich einen Artikel bei SpiegelOnline über das Buch “Tiere essen” von Jonathan Safran Foer gelesen und war sehr daran interessiert. Wie wird Foer argumentieren, dass man darüber nachdenkt den Konsum von Fleisch einzuschränken bzw. aufzugeben? Wir alle wissen unbewusst, dass die “Fleischproduktion” nicht unbedingt das schönste Kapitel des Menschen ist. Fast jeder hat schon mal ein Video von PETA oder irgendwo einen Bericht in den Medien gesehen.

Nun, da ich eigentlich immer ganz neugierig bin und mir gerne neue Dinge ansehe, habe ich das Buch bestellt und es kam Freitag an. Im Gegensatz zu sonst las ich das Buch nonstop und bin wirklich überrascht und beschämt zugleich. Bis jetzt bin ich erst bei der Hälfte angelangt und schon total angewidert. Im Vorwort zu dem Buch, welches die Situation in Amerika beschreibt, wird klargestellt, dass die Verhältnisse in Deutschland unter Berücksichtigung der anderen (europäischen/asiatischen) Länder den in den USA am Meisten ähneln. Das macht es interessant das Buch zu lesen. Wirklich. Sonst lege ich Bücher beiseite, da es mich ab einem gewissen Punkt nicht mehr reizt weiterzulesen. Wer interessiert ist, kann sich auch das Hörbuch bestellen.

Was mich betrifft: ich habe mich geirrt. Ich habe hier in mehreren Beiträgen behauptet, dass der Konsum von tierischen Lebensmitteln (Milch, Honig, Fleisch, Butter, Eier, etc.) natürlich ist. Das ist er auch, wenn man die Welt von vor mindestens 100 Jahren betrachtet. Damals gab es noch keine Massentierhaltung bzw. der Großteil der tierischen Produkte wurde wirklich regional und von bäuerlichen Kleinbetrieben hergestellt. Heute sieht das ganz anders aus. Meine Großmutter erzählt mir manchmal, dass es in den Fünfzigern bei ihr zu Hause auch Ziegenmilch gab. Eben weil nichts anderes da war und die Ziege auf dem Hof stand. Zu der Zeit wurde auch noch auf einem Feld Gemüse angebaut, wo sie mithelfen musste. Wirklich schlimm wurde es mit den tierischen Nahrungsmitteln, als die Industrialisierung bei der Tierhaltung eingesetzt hat. Und das wird zumindest im Buch mit dem Jahr 1924 angegeben, wo eine Amerikanerin Dinge erprobt hat. Diese Passage (wie das ganze Buch) lohnt sich durchzulesen. Kopfschütteln inklusive.

Ekel vor dem Hähnchenschenkel

Es ist noch keinen Monat her, wo ich drei Hähnchenschenkel gekauft habe, um sautierte Hähnchenschenkel nach einem Rezept von Julia Child nachzukochen. Man geht in den Supermarkt und kauft sich dieses Paket im Kühlregal. Generell bin ich eher der Typ Mensch, der keine Knochen an seinem Fleisch haben mag, da ich die Piddelei nicht sonderlich toll finde und kaufe eher Fleisch ohne Knochen. Das habe ich wohl mit den meisten Leuten gemeinsam ;)   Zu Hause angekommen habe ich dann das Fleisch mit Wasser abgespült und vorbereitet. Dabei ist mir zum ersten Mal in meinem Leben wirklich anders geworden. Dieses Gefühl kann ich kaum beschreiben, da war aber Ekel ganz klar mit dabei. Für mich stand an dem Abend fest, dass es erstmal kein Fleisch geben würde und habe alles eingefroren. Vielleicht finde ich an einem anderen Tag die Muse etwas damit zuzubereiten.

Der Punkt hierbei ist Folgender: Wenn Fleisch wie ein Steak oder Kotlett auf unserem Teller liegt, ist es zwar für jeden von uns Fleisch aber irgendwie gegenstandslos. Es wird zur Sache ohne das darüber nachgedacht wird wie das Tier gelebt hat und verdrängen wesentliche Informationen. Foer schreibt, dass es auch nicht weiter verwunderlich ist, dass wir so handeln wie wir handeln, weil das Essen für jeden von uns ein Teil Geschichte ist. So wie das Hühnchen mit Möhren, welches seine Großmutter in seiner Kindheit für ihn oft kochte, ist die Hühnersuppe meiner Oma ein Teil meines Lebens. Wir saßen am Tisch und haben mit mehreren Personen Sonntags die Suppe gegessen und natürlich geliebt. Das macht es so schwer die eigenen Gewohnheiten zu ändern. Hierbei stellt sich die Frage, ob wir unser eigenes Leben nicht selbst in die Hand nehmen sollten und Vergangenes einfach hinter uns lassen.

Lebenserwartung eines Masthuhns: 39 Tage

Massentierhaltung und Pandemien stehen in einem direkten Kontext, was eigentlich nicht erstaunen dürfte und es doch tut, weil wir alle unwissend sind oder gut verdrängen. Wo sonst als in einer Halle mit 30.000 Hühnern (oder Hunderten von Schweinen) könnte ein Virus derart mutieren, dass es den Menschen angreift? Es wird auch wirklich sehr eindrucksvoll erklärt wie das Leben eines Masthuhns aussieht. Ein solches Huhn wird nach mindestens 39 Tagen geschlachtet und gesund kommt es im Schlachthof nicht an. Weitere Einzelheiten mag ich nicht schreiben.  “Tiere essen” vermittelt einen grausamen Eindruck davon wie Menschen (nicht nur) Hühner qualvoll behandeln bis sie auf dem Teller landen. Und was uns als Ausnahme bekannt ist, ist der Standard.

Der Autor überlässt es jedem selbst zu entscheiden, ob er weiterhin Fleisch isst oder nicht. Für ihn steht fest, dass er sich vegetarisch ernährt. Jeder Veganer und Vegetarier würde sich aber bestätigt sehen, wenn er das Buch liest. Normale Verbraucher dürften aber erfreut sein, dass es ein Buch gibt, welches nicht vorwurfsvoll zu einer bestimmten Ernährungsweise drängt. Ich muss für mich herausfinden, ob ich vegetarisch und vegan auf Dauer leben mag. Für mich würde es einen kleinen Neuanfang ausmachen, meine “Geschichte” ändern und mein soziales Umfeld teilweise irritiert sein. Es ist auf jeden Fall ernsthafte Überlegungen wert!

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4 Kommentare
  1. Karl Klar22. August 201014:26

    …als gesundheitsbewusster, egoistischer Vegaratier habe ich persönlich gar kein Interesse daran, dass es immer mehr Vegetarier gibt. Denn dadurch steigt die Nachfrage nach pflanzlichen Lebensmittel. Diese werden dann insbesondere, durch die koneventionelle Landwirtschaft sowieso schon “giftigen” Anbaubedinungnen, noch weiter verschlechtern, vergiftet. So dass die pflanzlichen Lebensmittel bald so ungenießbar sein werden wie es die tierischen heute schon sind.

    Zudem stärkt das die Position der Gentechnikbefürworter, die Pflanzen zum Wohle der Menschheit genetisch zu verändern.

    Was soll dann ein gesundheitsbewusster Mensch noch essen können?

    OK, es spricht aber insgesamt mehr für als gegen den Vegetarismus; mehr als “nur” Tierquälerrei und schlechte Fleischqualität! Z.B. (Zitat von http://www.pig8soy.org/de/node/102): “…Die Effizienz mit der Tiere Getreide in Proteine umwandeln, ist von Art zu Art verschieden. Für die Produktion von 1 kg Fleisch braucht es im Durchschnitt 7kg Getreide, bei Rindern jedoch sind es 16 kg. Für Schweine ist das Verhältnis knapp 4:1, für Geflügel etwas mehr als 2:1 und für Fisch beträgt das Verhältnis etwas weniger als 2:1. Um ein Kilo Rindfleisch herzustellen benötigt man ungefähr 100mal mehr Energie als für die Produktion eines Kilos Kartoffeln. Die Fleischproduktion setzt auch die knappen Wasserressourcen unter Druck: Für ein Kilo Rindfleisch braucht man 15 m3 Wasser, während Weizen mit 0,4 bis 3 m3 auskommt….”

    …und auch der abartige Wasserverbrauch (Stichwort Virtuelles Wasser) zur Produktion von Fleisch. denn im Durchschnitt steckt 15.455 Liter Wasser in 1 kg Rindfleisch.

  2. Lilian22. August 201015:26

    Ich bin mir sicher, dass es generell gesünder ist Gemüse zu essen als Fleisch, wenn man Dinge wie Wasser, Getreide und Anbaufläche mit einbezieht. Bedenkt man auch den enormen Berg tierischen Kots (und die Umweltverschmutzung), der ja nun irgendwo hin muss, dann kann Gemüse schon besser sein. Und erst das Antibiotika. Darauf ist Foer auch eingegangen und hat gut argumentiert.

    Das gentechnisch verändertes Gemüse und Fleisch nicht so gut ankommt, ist glaube ich schon bei der Industrie durchgesickert. Kaum ein Durchschnittsbürger will das. Nur verschleiern die Konzerne mit Werbung solche Sachen. Foodwatch ist ein Beispiel dafür, dass NGOs Druck machen können.

    Das Beste, was man tun kann, ist eh sich saisonal zu ernähren. Das mache ich auch schon seit einer gewissen Zeit. Im Winter muss ich kein Kilo Tomaten für 3 Euro haben, wenn andere Dinge leckerer sind (Wirsing, Sauerkraut, etc.).

    Liebe Grüße und danke für Deinen informtiven Kommentar

  3. Silke23. August 201009:21

    Hallo,
    ich verstehe und respektiere jeden Veganer/ Vegetarier, aber gerade weil ich die Massentierhaltung so grausam finde, ist aus meiner Sicht der Vegetarismus der falsche Weg.
    Ich versuche daher, den Marktanteil derjenigen Produzenten zu erhöhen, die Tiere artgerecht behandeln, auch wenn das Fleisch häufig das 3fache kostet, dann esse ich lieber weniger und nicht jeden Tag davon und kann es dafür aber richtig genießen.
    Dies betrifft übrigens nicht nur das Fleisch sondern auch alle tierischen Produkte, z.B. Eier, Milch, Butter, usw – aus artgerechter Haltung schmeckt es mir einfach besser.
    Nach Möglichkeit unterstütze ich auch die Bauern vor Ort, denen ihr Produkt noch wichtig ist und nicht nur der Gedanke des Geldverdienens im Vordergrund steht.
    Wenn viele mitmachen, verhelfen wir vielen Tieren zu einer artgerechteren Haltung – einfach, weil die Massenindustrie nur umdenkt, wenn sich ihr Marktanteil zu Gunsten der artgerecht produzierten Produkte ändert. Ein Verzicht auf tierische Produkte ändert jedoch den Marktanteil kaum.
    Liebe Grüße
    Silke

  4. Lilian23. August 201021:48

    Hi Silke,
    darüber habe ich mir auch schon Gedanken gemacht und heute einen örtlichen Bio-Bauern in meiner Umgebung gefunden. Da sollen die Hühner noch herumlaufen können. Ich bin mal gespannt, wenn ich dort hinfahre. Vielleicht gibt’s ja auch ökologische Eier und/oder Käse.

    Na ja, generell esse ich nicht so viel Fleisch, oder Eier und sowas. Aber ich denke vegetarisch zu leben, zumindest überwiegend kann ja nicht schlimm sein. Ich esse eh viel lieber Gemüse. Andere Menschen haben das Problem, dass sie nicht viel mögen.

    Greets

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